Wenngleich dem Königreich Bayern nur eine recht kurze Zeit beschieden war, so hat sich diese Ära wohl am stärksten in das kollektive Gedächtnis der Bayern eingebrannt. 1806 im Frieden von Pressburg vom Herzogtum zum Königreich erhoben, endete die Geschichte der bayerischen Könige 1918 im Rahmen der Novemberrevolution mit dem Sturz Ludwigs III.
Im Füssener Land findet man das Erbe der Wittelsbacher und ihrer schönen Frauen noch an vielen Stellen vor. Maxsteg, Marienbrücke, Fürstenstraße, um nur wenige Beispiele zu nennen. Auch Denkmälern – alten wie neuen – begegnet man häufig, und damals von der Königsfamilie gemachte Geschenke wurden in der Regel bis in die heutige Zeit als besondere Schätze gehütet und von Generation zu Generation weitergereicht.
Die glanzvolle Geschichte der bayerischen Könige begann 1806, nachdem Bayern Napoleon Bonaparte in dessen Eroberungskrieg als Bündnispartner unterstützt hatte. Bayern wurde von Bonaparte zum Königreich erhoben, und die traditionell eher als recht pragmatisch zu bezeichnende Vorstellung der bayerischen Herrscher vom Begriff „Bündnistreue“ sorgte dafür, dass dieses Reich auch über den Untergang des kleinen Korsen hinaus Bestand hatte.
Ab hier beginnt auch die gemeinsame Geschichte des Allgäus und Bayerns, das sich im Zuge von Säkularisation und Mediatisierung unter anderem das Fürststift Kempten und große Teile des Hochstifts Augsburg einverleibte und seine Grenze gleich einmal bis zum Bodensee erweiterte.
König Max, wie Maximilian I im Volk liebevoll genannt wurde, gilt zusammen mit seinem Ersten Minister Montgelas als Gründer des modernen bayerischen Staates. Einführung einer effizienten Verwaltung durch ein neu geschaffenes Beamtenwesen, allgemeine Schulpflicht, Vereinheitlichung von Maßen, Gewichten und Währung sowie Abschaffung der Binnenzölle sind einige seiner Leistungen. Die 1818 durch Maximilian I eingeführte bayerische Verfassung hatte volle 100 Jahre Bestand.
Auguste Wilhelmine von Hessen-Darmstadt heiratete 1785 den späteren bayerischen König Maximilian I Joseph. Sie erlebte dessen Aufstieg zum König jedoch nicht mehr: Nach Jahren, die durch die Französische Revolution und wiederholte Fluchten geprägt waren, starb sie 1796 mit nur 30 Jahren.
Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, darunter der spätere König Ludwig I und Karoline Auguste, die später Kaiserin von Österreich wurde. Damit wurde Auguste Wilhelmine zur Stammmutter der bayerischen Könige ab 1825. Beigesetzt wurde sie in der Stadtkirche Darmstadt.
Prinzessin Auguste, Mutter von Ludwig I
Sein Sohn Ludwig I führte diesen Weg konsequent fort. Der Aufbau einer modernen Infrastruktur mit Donau-Main-Kanal und Bayerischer Ludwigsbahn wies Bayern den Weg vom Agrarstaat zum Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort. München wurde unter Ludwig I zu einer weit beachteten Stadt der Kunst. Sein Leben war durchsetzt von unzähligen amorösen Eskapaden. Seine Affäre mit der Tänzerin Lola Montez jedoch setzte seiner Regentschaft ein vorzeitiges Ende. Die im Volk äußerst beliebte Königin Therese war nicht nur die mustergültige, fügsame Gattin und gute Mutter, zu der sie stilisiert wurde. Ihr politisches Gespür und ihr scharfer Verstand machten sie zu einer wichtigen Beraterin ihres Gemahls. Obwohl sie unter dessen Affären litt, stand sie ihm dennoch stets loyal zur Seite.
Therese von Sachsen-Hildburghausen heiratete 1810 den bayerischen Kronprinzen Ludwig. Die mehrtägigen Hochzeitsfeiern gipfelten in einem großen Pferderennen vor den Toren Münchens. Der Festplatz erhielt zu Ehren der Braut den Namen Theresienwiese – aus der Wiederholung des Festes entwickelte sich das heutige Oktoberfest. 1825 wurde Therese an der Seite Ludwigs I Königin von Bayern.
Hinter dem lange gepflegten Bild der duldsamen Königsgemahlin stand eine politisch kluge und selbstbewusste Frau. Ludwig schätzte ihren Rat, und bei seiner Abwesenheit hielt sie ihn über politische Entwicklungen auf dem Laufenden. Therese engagierte sich stark für Arme, Witwen, Waisen und soziale Einrichtungen und stiftete 1827 den Theresienorden. Die zahlreichen Affären ihres Mannes ertrug sie lange, bei Lola Montez ging sie jedoch deutlich auf Distanz. Trotz des katholischen Hofes und entsprechender Bekehrungsversuche blieb die Königin zeitlebens überzeugte Protestantin. Die Ehe mit Ludwig brachte neun Kinder hervor.
Maximilian II, ebenfalls ein großer Förderer von Kunst und Kultur, sorgte für liberale Reformen in den Bereichen Landtagswahlrecht, Pressezensur, Gerichtswesen, Versammlungs- und Vereinsrecht sowie die Bauernbefreiung. 1857 ließ er den Grundstein für eine bayerische Hochbegabtenstiftung legen – das Maximilianeum. Er war es auch, der Schloss Hohenschwangau ausbauen ließ und es als Sommerresidenz für seine Familie nutzte.
Königin Marie, ebenfalls beim Volk äußerst beliebte Landesmutter, engagierte sich zeitlebens in sozialen Projekten. So wurde von ihr, gemeinsam mit ihrem Sohn Ludwig II, 1869 der Bayerische Frauenverein gegründet, aus dem heraus das Bayerische Rote Kreuz erwuchs.
Königin Marie von Bayern, geborene Prinzessin von Preußen, gewann nach ihrer Heirat mit Maximilian II rasch die Zuneigung der Bevölkerung. Besonders liebte sie die Allgäuer Berge rund um Hohenschwangau, wo sie selbst anspruchsvolle Bergtouren unternahm. Stark ausgeprägt war ihr soziales Engagement. 1859 gründete sie den Bayerischen Frauenverein, aus dessen Arbeit später der Bayerische Frauenverein vom Roten Kreuz hervorging. Sie unterstützte die Kranken- und Verwundetenpflege und zahlreiche weitere soziale Einrichtungen.
Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1864 wurde ihr Sohn Ludwig II König. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn blieb nicht frei von Spannungen. Maries nüchterne, tatkräftige Art und Ludwigs zunehmend zurückgezogenes Wesen lagen weit auseinander. Dennoch traf sie sein Tod 1886 schwer. Marie überlebte ihn nur um drei Jahre und starb am 17. Mai 1889 auf Schloss Hohenschwangau. Ihr Sarg wurde am folgenden Tag mit einem Sonderzug nach München gebracht – noch bevor die neue Bahnstrecke Füssen–Marktoberdorf am 1. Juni 1889 offiziell eröffnet wurde. Damit wurde ausgerechnet die verstorbene Königinmutter zum ersten außergewöhnlichen Fahrgast der neuen Füssener Eisenbahn.
Nach Maximilians frühem Tod folgte ihm Ludwig II mit nur 18 Jahren bereits auf den Thron. Seine bewegende Geschichte kennt heute fast jeder, und wie kein anderer deutscher Monarch hat er seinen festen Platz im Herzen vieler Menschen, selbst über 130 Jahre nach seinem Wirken. Das liegt natürlich zum Teil an den einzigartigen Schlössern, die er bauen ließ – bezahlt wurden diese übrigens ausnahmslos aus seinem Privatvermögen. Das erklärt aber noch nicht die besondere Faszination, die von seiner Person ausgeht, denn Schlösser bauen war zu dieser Zeit bei den Monarchen in ganz Europa sehr beliebt.
Vielmehr dürfte es seine vielschichtige Persönlichkeit gewesen sein, die viele Menschen in ihren Bann zieht. Sein träumerisches Naturell, sein Wirken als Kunstmäzen, aber auch seine Begeisterung für Hochtechnologie sind Aspekte seines Wesens. Es wird wohl auch nichts geschadet haben, dass Ludwig II, zumindest in jungen Jahren, durchaus eine stattliche und ansehnliche Figur abgegeben hat. Der entscheidende Punkt dürften aber die mysteriösen Umstände seines Ablebens gewesen sein, die ihm endgültig die Unsterblichkeit eingebracht haben. Nur ein sehr kleiner Personenkreis kennt bis heute die wahren Begebenheiten der damaligen Ereignisse, und daran wird sich wohl auch nichts ändern.
Ludwig II war aber nicht nur der auf seinen Schlössern in Abgeschiedenheit lebende Träumer und Fantast, als der er heute gerne dargestellt wird. Entgegen verbreiteten Ansichten übte er seine Amtsgeschäfte trotz häufiger Abwesenheit von München fast bis zum Ende gewissenhaft aus. Der König führte nicht nur das soziale Engagement seiner Eltern fort, sondern schuf und förderte auch eigene Projekte. Nicht zuletzt schufen auch seine Bauprojekte für damalige Verhältnisse sehr gut bezahlte Arbeitsplätze auf dem Land. Seine Begeisterung für moderne Technologien findet sich in unzähligen Details seiner Schlösser wieder. Mit seinem märchenhaften Winterschlitten beispielsweise besaß Ludwig II wahrscheinlich das allererste elektrisch beleuchtete Fahrzeug der Welt. Nach seinem Tod wurden die Staatsgeschäfte von dessen Onkel weitergeführt.
Unter Prinzregent Luitpold, ebenfalls ein großer Liebhaber der Kunst, ordnete sich Bayern mehr und mehr dem Deutschen Reich unter. Gleichzeitig erlebte das Königreich unter der 26-jährigen Regentschaft des volksnahen Prinzen eine Phase bescheidenen Wohlstands, weshalb man von diesen Jahren bis heute noch gerne von der „guten alten Zeit“ spricht. Kulinarisches Denkmal an diese Zeit ist die in Bayern verbreitete Prinzregententorte, die damals zu Ehren Luitpolds kreiert wurde.
Mit Luitpolds Sohn König Ludwig III endet die kurze Zeit des Königreichs Bayern und auch die stolze 738 Jahre währende Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie am 7. November 1918 nach nur sechs Jahren Regentschaft recht unspektakulär. Der fünfte und letzte König Bayerns dürfte gleichzeitig auch der unbekannteste sein.
Eine baldige Neuauflage der Monarchie in Bayern, wenngleich von vielen Königstreuen seit Jahrzehnten gefordert, scheint derzeit nicht in Sicht. Aber schea wears halt scho…
1806 Maximilian I Joseph wird erster König Bayerns
1813 Bayern löst sich von Napoleon und wechselt die Seite
1815 Bayern wird Mitglied des Deutschen Bundes
1818 Neue Verfassung – Bayern wird konstitutionelle Monarchie
1825 Ludwig I folgt seinem Vater auf den Thron
1835 Erste deutsche Eisenbahn fährt zwischen Nürnberg und Fürth
1848 Revolution und Unruhen in Bayern
1848 Ludwig I dankt ab – Maximilian II wird König
1853 Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst gestiftet
1857 Grundstein für das Maximilianeum in München
1864 Maximilian II stirbt – Ludwig II wird mit 18 Jahren König
1866 Bayern kämpft im Deutschen Krieg gegen Preußen
1870/71 Bayern beteiligt sich am Krieg gegen Frankreich
1871 Bayern wird Teil des neu gegründeten Deutschen Kaiserreichs
1886 Ludwig II wird für regierungsunfähig erklärt und entmündigt
1886 Ludwig II stirbt unter ungeklärten Umständen im Starnberger See
1886 Sein Bruder Otto wird König, kann aber nicht regieren
1886 Onkel Luitpold übernimmt als Prinzregent die Regierung
1886–1912 Prinzregentenzeit – wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung
1912 Luitpold stirbt – sein Sohn Ludwig wird Prinzregent
1913 Verfassungsänderung – Ludwig wird als Ludwig III König
1916 König Otto stirbt nach 30 Jahren nomineller Regentschaft
1918 Novemberrevolution – die Wittelsbacher verlieren die Herrschaft
1918 Nach 112 Jahren endet das Königreich Bayern
Mit Napoleon fing der Spaß an.
Bei Lola wurde vielen der Spaß zuviel.
Lola Montez, eigentlich Elizabeth Rosanna Gilbert, war eine irische Tänzerin und Abenteurerin, die 1846 nach München kam und König Ludwig I in ihren Bann zog. Der König überschüttete sie mit Geld und Geschenken, ließ sie zur Gräfin von Landsfeld erheben und nahm ihren politischen Einfluss zunehmend ernst. Das machte die ebenso selbstbewusste wie streitbare Lola in Bayern höchst unbeliebt. Ihre Einbürgerung und ihr Einfluss verschärften die ohnehin bestehenden Spannungen zwischen konservativ-katholischen und liberalen Kräften. An der Münchner Universität kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihren Anhängern und Gegnern. 1848 musste Lola aus München fliehen, kurz darauf dankte Ludwig I ab. Sie ging später in die USA und starb 1861 mit nur 39 Jahren in New York.
Mit dem Tod von Ludwig II endete der lustige Teil der Geschichte.
Otto von Bayern vergisst man schon gerne einmal, wenn es um die bayerischen Könige geht. Und das, obwohl niemals jemand länger König von Bayern war als er. Am 13. Juni 1886 wurde er bayerischer König und behielt den Titel bis zu seinem Tod 1916, insgesamt also über 30 Jahre lang. Nur leider war er aufgrund seiner „Schwermütigkeit“ keinen einzigen Tag als Regent im Amt. Welche Epoche Bayerns aus seiner Regentschaft wohl entstanden wäre, bleibt spekulativ. Indes eine spannende Frage, welche Entwicklung das Land genommen hätte, wäre es ein junger König mit klarem Verstand und Zukunftsvisionen gewesen, der das Land 1886 übernommen hätte.
Otto Wilhelm Luitpold Adalbert Waldemar von Wittelsbach, Rufname Otto, wurde am 27. April 1848 in München geboren und starb am 11. Oktober 1916 in Schloss Fürstenried. Er war der kleine Bruder jenes berühmten Märchenkönigs, dessen Schlösser die ganze Welt bewundert. Bereits mit knapp 16 Jahren wurde er einer militärischen Ausbildung unterzogen. Kurz nach deren Beginn verstarb der Vater König Max, und der große Bruder wurde König von Bayern.
Der Eintritt in den aktiven Militärdienst führte Otto 1866 in den Deutschen Krieg und 1870/71 in den Französisch-Deutschen Krieg, der letztlich in der Kaiserproklamation in Versailles mündete. An dieser nahm Otto zusammen mit seinem Onkel Luitpold als Vertretung Ludwigs teil. Über seine Eindrücke schrieb er dem Bruder: „Ach Ludwig, ich kann Dir gar nicht beschreiben wie unendlich weh und schmerzlich es mir während jener Zeremonie zumute war […] Alles so kalt, so stolz, so glänzend, so prunkend und großtuerisch und herzlos und leer.“
Gab es schon früher vereinzelt erste Auffälligkeiten, verschlechterte sich der geistige Zustand Ottos nach dem Krieg rapide. 1872 wurde er offiziell für geisteskrank erklärt. Man geht heute von einer paranoid-halluzinatorischen, schizophrenen Psychose aus, aber wer kann das schon so ganz genau sagen? Die Psychiatrie, bis heute keine sonderlich exakte Wissenschaft, hatte damals noch ein sehr steinzeitliches Stadium inne, inklusive Elektroschocks und eiskalter Duschen. Aber Otto wäre auch nicht der erste Veteran, der solch ein „Andenken“ aus dem Krieg mitgebracht hätte.
1878 schließlich wurde er entmündigt, 1886 traf dieses Schicksal auch den großen Bruder. Als Ludwig II wenige Tage nach seiner gewaltsamen Absetzung unter nicht geklärten Umständen verstarb, wäre es an Otto gewesen, das noch junge Königreich in ein neues Jahrhundert zu führen. Stattdessen übernahm Onkel Luitpold die Geschäfte und ging als Prinzregent in die Geschichte Bayerns ein. Vielleicht hätte ein starker König Otto es zu verhindern gewusst, dass das geliebte Bayernland zusehends mehr in das Deutsche Reich eingegliedert wurde, Luitpold konnte es nicht. Mit Fleiß und Bescheidenheit schuf er hingegen eine kurze goldene Ära, der die bayerische Seele bis heute nachhängt.
Als der Onkel 1912 im damals eher biblischen Alter von 91 Jahren verstarb, übernahm dessen Sohn Ludwig die Regentschaft und wurde nach einer Verfassungsänderung 1913 zum König von Bayern ausgerufen. Titel und Würden von König Otto wurden auf Ludwigs Wunsch hin jedoch nicht angetastet. Daher hatte Bayern bis zum Tode Ottos zwei Könige. Er wurde in der Gruft der Kirche Sankt Michael in München nahe dem Sarkophag seines Bruders Ludwig II zur letzten Ruhe gebettet, sein Herz hingegen getrennt in der Gnadenkapelle von Altötting bestattet, wie bei Monarchen damals üblich.