Nach abenteuerlicher Flucht aus Berlin vor den alliierten Bomben und den Russen verschlug es Konrad Zuse in den letzten Kriegstagen nach Hinterstein. Mit 14 LKWs brachte der Computerpionier seine Z4, erster binär programmierbarer Computer der Welt, im Allgäu in Sicherheit.
Der Weg führte zunächst nach Göttingen. Von dort ging es weiter Richtung Süden. Auf dieser Flucht wurde der Konvoi von Tieffliegern angegriffen. Zuse und sein Mitarbeiter Harro Stucken wurden dabei voneinander getrennt. Zuse ging davon aus, dass Stucken bei dem Angriff ums Leben gekommen war. Tatsächlich hatte er überlebt und kam später in einem Krankenhaus wieder zu sich.
Für beide begann danach eine völlig unterschiedliche Odyssee. Zuse zog weiter in Richtung Alpen und gelangte schließlich nach Hinterstein. Stucken musste nach seiner Genesung zunächst überhaupt herausfinden, wo sein Chef und die Z4 geblieben waren.
Leider hatte Zuse in Hinterstein keine Möglichkeiten, den in viele Einzelteile zerlegten Großcomputer aufzubauen und fertigzustellen. Stattdessen widmete er sich erfolgreich der Weiterentwicklung von „Plankalkül“, der ersten höheren Programmiersprache der Welt.
Um seine junge Familie über Wasser zu halten, nutzte Zuse seine große künstlerische Begabung und fertigte Bilder und Holzschnitte für Touristen. Eines dieser Bilder zeigte Hinterstein – und ausgerechnet dieses Motiv sollte später entscheidend werden.
Erst 1946 konnte Harro Stucken, der durch den Tieffliegerangriff von Zuse getrennte Mitarbeiter, ihn in Hinterstein finden. Seine Suche hatte ihn zuvor nach Hopferau geführt und dort hatte er einen Platz gefunden, um die Z4 zu montieren und zu vollenden. Ausgerechnet ein Bild von Hinterstein führte Stucken auf die richtige Spur.
Zuse war in der Hintersteiner Zeit ein paar Mal ganz knapp der Entdeckung durch die französischen Besatzer entgangen und auch Engländer waren gekommen, konnten die Tragweite der Erfindung jedoch nicht ermessen. Wäre die Maschine erkannt worden, hätte man sie vielleicht nach Paris oder London gebracht und den Erfinder wohl auch gleich dazu – durchaus nicht unüblich damals.
Die Suche nach deutscher Technik war in den ersten Monaten nach Kriegsende intensiv. Gerade die Bezeichnung „V4“, unter der Zuses Maschine zeitweise geführt worden war, konnte Misstrauen wecken. Die Z4 blieb dennoch in Hinterstein und wurde von den Besatzern nicht als jene revolutionäre Rechenmaschine erkannt, die sie tatsächlich war.
Zuse hingegen hatte Glück und auch der Transport nach Hopferau lief gut – die Z4 konnte wieder in Betrieb genommen werden. Nach Behebung der Transportschäden, wurde die Erfindung in den folgenden Monaten in Hopferau endlich vollendet – im Mehllager am Schloss zu Hopferau !
Der Neuaufbau war unter den Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit eine technische Meisterleistung. Ersatzteile waren schwer zu beschaffen, Material knapp und auch die Stromversorgung musste für den Betrieb der großen Relaismaschine ausreichen. Trotzdem gelang es, Rechenwerk, Speicher, Steuerung und Lochstreifentechnik wieder funktionsfähig zu machen.
In Hopferau konnte Zuse 1948 endlich beweisen, dass sein Rechner funktionierte, indem er bei einer Wette die komplexen Milchgeldberechnungen der Sennerei Lehern mittels Z4 schneller ausführte, als es drei erfahrene Mitarbeiter zusammen konnten.
Die Aufgabe war keineswegs belanglos. Für die Monatsabrechnung mussten die Milchlieferungen der Bauern erfasst und daraus die jeweiligen Auszahlungen berechnet werden. Genau diese wiederkehrende, rechenintensive Arbeit zeigte eindrucksvoll, wofür ein programmierbarer Rechner eingesetzt werden konnte. Die Z4 bestand ihre Bewährungsprobe nicht in einem Forschungslabor, sondern in einer Allgäuer Sennerei.
„Zuse Ingenieurbüro“ konnte ab da ein bescheidenes Dasein mit Auftragsrechenarbeiten erwirtschaften. Ein unmoralisches Angebot von IBM wurde abgelehnt. 1950 schließlich hat die ETH Zürich die Z4 gemietet und es kam endlich Geld herein.
Probleme mit dem Vermieter führten dazu, dass Konrad Zuses Zeit im Allgäu 1949 zu Ende ging. Die Firma siedelte in das hessische Neukirchen im Kreis Hünfeld über. 1949 wurde die Zuse KG gegründet, welche später an Brown, Boveri und Cie. und schließlich an Siemens überging. Zuse widmete sich danach vor allem der Malerei, in der er ebenfalls brillierte.
Leider brachte sein Werk dem genialen Erfinder keinen wirtschaftlichen Erfolg und auch die Ehre wurde ihm lange verwehrt. Heute wird jedoch weltweit anerkannt, daß der Erfinder des Computers Konrad Zuse heißt.
Die Z4 verfügte über rund 2.200 Relais, hatte eine Taktfrequenz von etwa 40 Hertz, als Ein- und Ausgabemedium wurden Lochstreifen verwendet und sie wog fast eine ganze Tonne. Seinen Platz in der Walhalla hätte sich das 1995 verstorbene Genie Konrad Zuse mit seiner Z4 jedenfalls redlich verdient.
Konrad Zuse: 1910–1995
Im Allgäu: 1945–1949
Stationen: Hinterstein, Wiedemen, Hopferau, Lehern
Rechner: Z4
Entwicklung: 1942–1945 in Berlin
Wiederaufbau: ab 1946 in Hopferau
Praktischer Einsatz: Milchgeldrechnung Sennerei Lehern
Weiterer Weg: 1950 ETH Zürich
Z4: rund 2.200 Relais, etwa 40 Hertz, Lochstreifen, fast 1 Tonne
1910 Geburt in Berlin-Wilmersdorf
1912 Kindheit in Braunsberg in Ostpreußen
1923 Umzug der Familie nach Hoyerswerda
1928 Abitur und Studienbeginn in Berlin
1935 Abschluss als Diplom-Ingenieur
1936 Beginn des Baus der ersten Rechenmaschine
1938 Fertigstellung der später Z1 genannten Maschine
1939 Z2 mit Relais im Rechenwerk
1940 Gründung von Zuse Apparatebau
1941 Fertigstellung der Z3
1942–1945 Entwicklung der Z4
1944 Zerstörung der Z3 bei einem Luftangriff
1945 Rettung der Z4 über Göttingen nach Hinterstein
1945/46 Arbeit am Plankalkül in Hinterstein
1946 Umzug der Z4 nach Hopferau; Zuse-Ingenieurbüro
1946–1949 Wiederaufbau und Weiterentwicklung der Z4 in Hopferau
1948 Vorführung der Milchgeldberechnung in Lehern
1949 Eduard Stiefel besucht Zuse in Hopferau
1949 Gründung der Zuse KG in Neukirchen
1950 Z4 wird an der ETH Zürich installiert
1957 Verlegung der Zuse KG nach Bad Hersfeld
1964 Brown, Boveri und Cie. übernimmt das Kommanditkapital
1967 Zuse scheidet aus dem Unternehmen aus
1969 Veröffentlichung „Rechnender Raum“
1970 Autobiografie „Der Computer – Mein Lebenswerk“
1995 Tod in Hünfeld
Die Milchmädchen-Rechnung
Tatsachenroman von Christoph Bode
über Konrad Zuses Jahre im Allgäu.
Erhältlich im Schloss zu Hopferau
(auch online bestellbar)
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Prof. Dr. Horst Zuse für die kostenfreie Überlassung der Fotos für diesen Artikel.
Viele Infos und Links finden Sie unter www.zuse.de
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