Am westlichen Stadtrand von Kaufbeuren, über dem Ortsteil Großkemnat, thront auf einem bewaldeten Sporn die Burg Kemnat – eine der ältesten und geschichtlich bedeutendsten Höhenburgen des Ostallgäus. Der mächtige Bergfried aus gebuckelten Nagelfluhquadern, im Volksmund „Römerturm“ genannt, ist das weithin sichtbare Wahrzeichen des Ortes. Die Burg wurde um 1185 von den Herren von Apfeltrang errichtet und war Sitz der mittelalterlichen Herrschaft Großkemnat. Von der einst weitläufigen Anlage sind heute der Turm, der Burgbrunnen und das Amtshaus erhalten.
Der Bergfried dient heute als Aussichtsturm und ist tagsüber frei zugänglich. Von der Plattform auf rund 16 m Höhe öffnet sich ein weiter Blick vom Wetterstein über die Tannheimer und Lechtaler Berge bis zu den Allgäuer Alpen. Das Gelände wird regelmäßig für Freilichtaufführungen und kulturelle Veranstaltungen genutzt. Am Fuß der Burg befindet sich der Theaterstadl des örtlichen Vereins.
Der Zugang erfolgt von Kaufbeuren über die Staatsstraße 2055 Richtung Kempten bis zum Abzweig nach Großkemnat; ab dort ist die Burg ausgeschildert. Parkmöglichkeiten bestehen in der Nähe des Amtshauses.
Um 1185 begannen Volkmar und Markward von Apfeltrang, Dienstmannen der Grafen von Ronsberg, mit dem Bau der Burg Kemnat. Der Name leitet sich vom lateinischen caminata („beheiztes Gemach“) ab. Volkmar II. von Kemnat, genannt „der Weise“, war Stadtvogt von Konstanz, enger Vertrauter König Konrads IV. und Erzieher des jungen Staufererben Konradin. Unter ihm entwickelte sich Kemnat zu einem geistigen Mittelpunkt des Allgäus, an dem Dichtung und Minnesang gepflegt wurden.
Nach dem Tod Volkmars II. 1282 kam die Burg an seinen Sohn Markward und um 1300 an die Herren von Ramschwag. Im 14. Jahrhundert übernahmen die Herren von Benzenau den Besitz. 1551 kaufte das Stift Kempten die Burg und richtete dort einen Pflegeamtssitz ein.
Während des Bauernkriegs 1525 blieb Kemnat im Gegensatz zu vielen anderen Burgen unversehrt. Im Zuge der Säkularisation von 1804 wurden alle rückwärtigen Gebäude, einschließlich der St.-Anna-Kapelle, abgetragen; nur der Bergfried, das Amtshaus und der Brunnen blieben bestehen. 1838 erwarb der Historische Verein für Schwaben den Turm, sicherte ihn 1851 und 1884, später erneut 1925 und 1957. 1984 ging er in den Besitz der Stadt Kaufbeuren über, die ihn mit einer überdachten Aussichtsplattform versah. 1985 feierte die Stadt das 800-jährige Jubiläum der Burg.
Am 30. September 2023 wurde der Dachstuhl des Bergfrieds durch ein Feuer stark beschädigt. Eine Restaurierung ist vorgesehen. Heute kümmert sich ein Burgverein gemeinsam mit der Stadt um Erhalt und Pflege der Anlage.
Die Burg liegt auf 801 m ü. NN auf einem nach Osten vorspringenden Sporn, den ein bis zu acht Meter tiefer Halsgraben von der Hochebene trennt. Die Anlage war als sogenannte Zungenburg angelegt. Vom einstigen Mauerring sind im Nordwesten und Süden noch Teile erhalten, die heute das Amtshaus stützen.
Der Bergfried steht am südwestlichen Rand des Burgplateaus. Er misst 9,3 m im Quadrat, besitzt bis zu drei Meter starke Mauern und ragt – einschließlich Dach – etwa 23 m in die Höhe. Die massiven Buckelquader mit Randschlag stammen aus Nagelfluh. Ursprünglich war der Turm über einen Hocheingang in der ersten Etage zugänglich; dieser wurde im 16. Jahrhundert beim Einbau in das Amtshaus durch einen ebenerdigen Zugang ersetzt. Das obere Geschoss erhielt damals Fensteröffnungen und Tuffsteinmauerwerk.
Der Burgbrunnen, 26 m tief, befindet sich 20 m östlich des Turms. Vom Burghof führte ein Weg zu einer kleinen Kapelle, die im Zuge der Umgestaltung zur Amtsburg verschwand. Die heute sichtbaren Mauerreste und Geländespuren vermitteln dennoch das Bild einer eindrucksvollen mittelalterlichen Wehr- und Verwaltungsanlage.
Der frei stehende Bergfried erinnert in Form und Material an den Nagelfluh-Turm der Burgruine Helmishofen. Beide wurden im 19. Jahrhundert fälschlich als „Römertürme“ bezeichnet – eine Deutung, die ihren Abriss verhinderte und zur frühen Denkmalpflege beitrug.
Lage: Großkemnat, Stadt Kaufbeuren, Landkreis Ostallgäu, Bayern
Koordinaten:
47° 52′ 59,6″ N, 10° 35′ 6,6″ O
Höhe: 801 m ü. NN
Datierung/Entstehung: um 1185 (Herren von Apfeltrang)
Burgtyp: Höhenburg, Spornlage
Schutzstatus: Baudenkmal und Bodendenkmal
Eigentum/Nutzung: Stadt Kaufbeuren; Aussichtsturm und Kulturstätte
Besonderheit: fälschlich „Römerturm“ genannt; älteste erhaltene Königsurkunde in deutscher Sprache bezieht sich auf Kemnat (1240).