Die Ruine Ratzenried, auch als Oberes Schloss bezeichnet, liegt südöstlich der Ortschaft Ratzenried in der Gemeinde Argenbühl im Landkreis Ravensburg. Sie befindet sich auf einem 722 Meter hohen Bergsporn und zählt zu den bedeutendsten Burganlagen des westlichen Allgäus. Ursprünglich im 12. Jahrhundert als Sitz der Dienstmannen des Klosters Sankt Gallen errichtet, entwickelte sich die Anlage zu einer der größten und wehrhaftesten Dienstmannensitze Oberschwabens. Die Burgruine ist von Ratzenried aus gut erreichbar. Vom Ortsausgang Richtung Eglofs zweigt in einer Kurve links der Weg zur Anlage ab. Vor dem Hof Platz, dem einstigen Wirtschaftshof der Burg, befindet sich ein kleiner Parkplatz. Von dort führt ein kurzer Fußweg durch den Hofbereich und weiter leicht abwärts bis zum Burgtor und zum Eingang der Ruine. Das Gelände ist tagsüber frei zugänglich; ein Aufenthalt nach Einbruch der Dunkelheit ist nicht gestattet. Die Anlage umfasst ein Areal von etwa 225 × 75 Metern und liegt auf einem markanten Geländesporn mit freiem Blick über das Argenbühler Hügelland. Die erhaltenen Mauerzüge, Torbereiche und Fundamente vermitteln noch heute die gewaltige Dimension der einstigen Burg. Nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg wurden viele Steine für Häuser im Ort wiederverwendet, dennoch blieb der Grundriss klar erkennbar. Die Sanierung und Sicherung der Mauerreste begann 1984 und wurde seitdem unter der Leitung des Heimatvereins Ratzenried schrittweise umgesetzt. Im Zuge dieser Arbeiten konnte die gesamte Ruine strukturell gesichert werden, einschließlich der früheren Barbakane. Eine rekonstruierte Ansicht zeigt die ursprüngliche Gestalt der Burg aus nordwestlicher Perspektive.Übersicht
Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung von der klösterlichen Verwaltungsburg über den repräsentativen Herrensitz der Familie Humpis bis hin zur eindrucksvollen Ruinenlandschaft, deren Erhalt heute von örtlichen Vereinen gesichert wird.Besuch und Eindruck
Die erste Burg Ratzenried entstand vermutlich zu Beginn des 12. Jahrhunderts als st. gallisches Lehen. 1145 werden die Herren von Ratzenried erstmals genannt. Wie bei ähnlichen Burgen der Region diente ihre Errichtung der Sicherung klösterlicher Besitzungen und der Verwaltung von Abgaben. Nach dem Aussterben des Ortsadels Ende des 13. Jahrhunderts wechselte die Herrschaft mehrmals den Besitzer.
Zwischen 1353 und 1369 gehörte die Burg den Herren von Molpertshausen; danach folgten weitere Familien, darunter die von Sürgen, Prassberg, Königesegg, Stüdlin und Hirnheim. Im Jahr 1453 erwarb Jos Humpis aus Ravensburg, Mitinhaber der Ravensburger Handelsgesellschaft, die Burg und rund 25 Höfe vom Kloster Sankt Gallen. Vier Jahre später erhielt er die niedere Gerichtsbarkeit, 1495 auch die hohe Gerichtsbarkeit. Seine Söhne Jos und Jacob Humpis begründeten zwei Linien und nannten sich fortan von Ratzenried.
Zwischen 1498 und 1502 ließ Jos Humpis die Burg umfassend erneuern und zu einer der größten Wehrburgen der Region ausbauen. Parallel dazu entstand im heutigen Dorf Ratzenried (damals Wetzelsried) ein zweites, sogenanntes Unteres Schloss. Der aufwendige Wiederaufbau der Oberburg kostete 11.000 Gulden und machte sie zur größten Dienstmannenburg des Allgäus.
Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde die Burg am 8. Mai 1632 von schwedischen Truppen zerstört. Der Schaden belief sich auf rund 80.000 Gulden. Sie wurde nicht wiederaufgebaut, da mit Wolfgang von Ratzenried († 1636) die Linie erlosch. Das Lehen blieb bis zur Säkularisation 1803 im Besitz des Klosters Sankt Gallen, ging dann an Kaiser Franz II über und fiel 1806 an Bayern, 1810 an Württemberg.
Von 1813 an befand sich die Anlage im Besitz der Grafen von Beroldingen, später der Grafen von Waldburg‑Zeil. 1870 entstand auf dem Burghof eine neogotische Heilig‑Kreuz‑Kapelle, die 1904 wieder abgebrochen wurde.
Die Burg Ratzenried wurde auf einem vorspringenden Bergsporn errichtet, dessen natürliche Form hervorragenden Schutz bot. Über ihr ursprüngliches Aussehen im 12. Jahrhundert existieren keine genauen Quellen. Die letzte große Bauphase unter Jos Humpis (um 1500) verwandelte die Burg in eine ausgedehnte Anlage mit wehrtechnischen Elementen der beginnenden Neuzeit.
Nach den historischen Aufzeichnungen war das Areal etwa 220 Meter lang und 75 Meter breit und bestand aus mehreren Bauabschnitten mit drei Brücken und einem dreigeteilten Grundriss. Zu den zentralen Komponenten zählten der Palas, mehrere Vorwerkmauern mit Schießscharten und der Hofbereich. Die Anlage vereinte Wohn‑, Verwaltungs‑ und Verteidigungsfunktionen.
Im 19. Jahrhundert blieben nur Teile der Umfassungsmauern und einige Baugrundrisse erhalten. Die bis heute sichtbaren Mauern entsprechen im Wesentlichen dem nördlichen Burgbereich mit Toren, Stützmauern und Resten der Wohnbauten. Durch die ehrenamtliche Sanierung ab 1984 konnten diese Reste konserviert und vor weiterem Verfall geschützt werden.
Lage: Argenbühl‑Ratzenried / Landkreis Ravensburg / Baden‑Württemberg
Koordinaten:
47° 42′ 46,8″ N / 9° 54′ 3,2″ O
Höhe: 722,3 m ü. NN
Datierung/Entstehung:
Anfang 12. Jahrhundert
Schutzstatus: Kulturdenkmal
Eigentum/Nutzung:
Graf von Waldburg‑Zeil /
Pacht an Heimatverein Ratzenried
(50 Jahre ab 1985)
Alternative Namen: Oberes Schloss