Die Fürstäbtliche Residenz in Kempten im Allgäu entstand als Wohn- und Repräsentationsbau der Fürstäbte des Klosters Kempten. Der barocke Neubau wurde ab 1651 am Ort des zuvor zerstörten mittelalterlichen Benediktinerklosters begonnen und ist baulich mit der Stifts- und Pfarrkirche Sankt Lorenz verbunden. Zur Anlage gehören außerdem Hofgarten und Orangerie. Die Residenz war als Fürstensitz und zugleich als Kloster organisiert, mit getrennten Bereichen für Hof und Konvent. Die Innenausstattung umfasst Prunkräume, deren Ausgestaltung unter Fürstabt Anselm Reichlin von Meldegg bis 1743 vorangetrieben wurde. Genannt werden Malereien von Franz Georg Hermann, Skulpturen von Egid Verhelst sowie Stuckaturen von Johann Georg Üblher und weiteren Künstlern der Wessobrunner Schule. Heute wird die Residenz als Gerichtsgebäude für Amtsgericht und Landgericht Kempten genutzt; Besichtigungen beziehen sich auf die Prunkräume.
Die Residenz bildet zusammen mit Sankt Lorenz das historische Zentrum des Fürststifts Kempten. Der Gebäudekomplex liegt in der Stiftsstadt Kempten vor den Toren der gleichnamigen Reichsstadt. Nördlich schließen Bereiche rund um den Residenzplatz an, südlich grenzt der Hofgarten an. Der südliche Vorplatz ist als Grünstreifen mit flacher Treppenanlage sowie Wasserbecken mit Fontänen und Wasserlauf beschrieben. Westlich liegt der Hildegardplatz mit der Kirche auf dem Kirchhügel.
Die Anlage ist als großformatiger Klosterkomplex mit rechteckigem Grundriss ausgeführt und in zwei Innenhöfe gegliedert. Nach außen prägen Ecktürme mit oktogonalem Aufsatz sowie Hauben und Laternen das Erscheinungsbild. Im westlichen Hof werden Arkaden und eine Gliederung durch Pilaster und Halbsäulen genannt. Im Inneren werden Prunk- und Repräsentationsräume beschrieben, darunter Wappensaal, Fürstensaal und die Folge der fürstäbtlichen Zimmer. Als besonders hervorgehobene Räume erscheinen der Thronsaal (entstanden 1740 bis 1742) sowie weitere Prunkräume wie Kanzlei, Tagzimmer, Audienzzimmer und Vorsaal.
Besichtigungen beziehen sich auf die Prunkräume und finden im Rahmen von Führungen statt; als organisatorisch zuständig wird der Heimatverein Kempten genannt. Für die Verwaltung der Prunkräume wird die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen genannt. Für den Besuch gilt der allgemeine Hinweis, Öffnungszeiten und Eintritt vor dem Besuch zu prüfen. In den Prunkräumen ist zum Schutz des Bodens das Begehen nur mit weichen Filzpantoffeln vorgesehen. Ein Aufzug wird als Möglichkeit für einen barrierefreien Zugang zu den Prunkräumen erwähnt.
An der Stelle der heutigen Residenz bestand ein älteres Kloster, das Mitte des 8. Jahrhunderts gegründet worden sein soll; als Gründer und erster Abt wird Audogar genannt, verbunden mit dem Hinweis auf eine mögliche Verwandtschaft zur karolingischen Königin Hildegard. Für die spätere Entwicklung wird ein romanischer Klosterbau beschrieben, der weitgehend im 13. Jahrhundert entstand und auf ein älteres Kloster folgte, von dem keine Darstellungen überliefert sind. Für die spätmittelalterliche Klosteranlage werden Abbildungen genannt, darunter eine Stadtansicht von 1628. Die damalige Klosterkirche wird als romanische, dreischiffige Basilika mit westlichem Querschiff und einem Turmpaar im Osten beschrieben. Für 1382 werden gotische Turmabschlüsse am dreischiffigen Marienmünster genannt, auf dessen Fläche später die Residenz entstand. Weitere größere Baumaßnahmen werden um 1500 erwähnt.
Am 22. Mai 1632 wurde die Klosteranlage im Dreißigjährigen Krieg durch einen Angriff der Schweden mit Unterstützung der Kemptener Reichsstädter zerstört. Dabei wird auch der Bruch der 973 dem heiligen Nikolaus von Myra geweihten Nikolauskapelle genannt. Nach dem Krieg wurde die Ruine abgetragen.
1648 entstanden erste Pläne für eine neue Kirchen- und vierflügelige Klosteranlage. Unter Fürstabt Roman Giel von Gielsberg begann 1651 am Standort des zerstörten Klosters der Neubau der barocken Anlage. Als Baumeister wird zunächst Michael Beer genannt; als Nachfolger wird Johann Serro genannt. Ein bereits begonnenes, zunächst als Kornhaus gedachtes Gebäude wurde 1651 als Flügel der Residenz weitergeführt. Teile der Residenz entstanden über Fundamenten der zerstörten Basilika. Für 1656 wird der mittlere Quertrakt genannt, für 1660 bis 1661 die Flügel um den östlichen Hof, für 1661 bis 1664 Süd- und Westtrakt um den westlichen Hof sowie erste Teile der Innenausstattung. 1665 ließ Serro durch Beer erbaute Teile wieder abreißen. Der nordwestliche Eckturm wird 1668 als fertiggestellt genannt; im gleichen Jahr bezog der Fürstabt seine Räume. 1670 entstand im Zentrum des östlichen Hofs die Hildegardkapelle, die nach der Säkularisation 1804 abgebrochen wurde. Gegen Ende des Jahres 1674 bezog der Konvent den Neubau.
Ab 1732 wurden unter Fürstabt Anselm Reichlin von Meldegg zahlreiche Räume zu Prunkräumen umgestaltet; der Konvent zog in den östlichen Teil, der als Konventhof bezeichnet wird. Der Thronsaal wird als zwischen 1740 und 1742 entstanden beschrieben. Nach der Säkularisation 1803 durften Stiftsherren und der letzte Fürstabt Castolus Reichlin von Meldegg noch einige Zeit in der Residenz wohnen. Danach zog bayerisches Militär ein und blieb bis 1945 in der sogenannten Schlosskaserne. Der Hofgarten wurde mit Militärbaracken, Exerzierplatz und im 19. Jahrhundert zusätzlich mit einer Reithalle weitgehend überbaut. Nach 1945 wird eine Nutzung als Lager für Displaced Persons genannt, darunter vor allem Litauer für einige Jahre. Anschließend erfolgten Renovierungen und ein Umbau für die Justiz; auch in den Prunkräumen wurden Gerichtsverfahren abgehalten. 1952 wurden Prunkräume und Fürstensaal wieder zur Besichtigung zugänglich gemacht; als mitwirkend wird Alfred Weitnauer genannt.
Die Residenz besitzt einen rechteckigen Grundriss von etwa 149 Metern an der Nordseite und etwa 84 Metern an der Ostseite. Ein Querbau teilt die Anlage in zwei nahezu gleich große Innenhöfe. Zur Gesamtanlage wird eine nicht vollständig ausgeglichene Symmetrie beschrieben, erklärt mit dem Wechsel der Baumeister sowie Planänderungen durch Eingriffe der Bauherren.
An den Ecken stehen quadratische Türme, die in ein kurzes Oktogon übergehen; darauf sitzen gedrückte Hauben mit offenen Laternen. An der Südfassade befindet sich ein flacher, sechsachsiger Risalit unter Attika, der 1895 als neuer Eingangsbereich entstand. Für die ursprüngliche Situation wird angegeben, dass zur Südseite keine Türöffnung vorhanden war. Die Nordfront wird als gegliedert beschrieben: ein Westflügel, der im 19. Jahrhundert wohl um zwei Achsen nach Osten verlängert wurde, sowie ein Ostflügel mit Mittelrisalit und ehemaligem Eingangsportal. Im Bereich des Zwischentrakts wird ein Zwerchhaus mit Giebel genannt. Für den Süd- und Westtrakt im westlichen Hof werden Arkaden, Pilaster und Halbsäulen erwähnt; zudem werden erneuerte Architekturmalereien nach erhaltenen Resten genannt.
Für den Innenbereich wird festgehalten, dass die ursprüngliche Möblierung nicht mehr rekonstruierbar ist, weil Einrichtungsgegenstände nach der Säkularisation teilweise versteigert wurden. Beschrieben wird eine Raumfolge nach einem Schema des 18. Jahrhunderts, beginnend mit Festsaal und ergänzt durch weitere Repräsentationsräume. Der Wappensaal liegt im zweiten Stock des Nordostflügels und wird als älteste repräsentative Räumlichkeit des Stifts bezeichnet. Der Fürstensaal wird um 1680 unter Fürstabt Rupert von Bodman ausgestattet genannt; im 19. und 20. Jahrhundert wurde er verkürzt, um Platz für ein modernes Treppenhaus zu schaffen.
Zu den Prunkräumen zählen unter anderem Kanzlei, Schlafzimmer, Tagzimmer, Audienzzimmer, Vorsaal und Thronsaal. In der Kanzlei werden eine stuckierte Decke um 1733 sowie eine Umgestaltung zur Hofkanzlei um 1790 bis 1791 genannt, verbunden mit Fresken von Franz Joseph Hermann. Das Tagzimmer wird mit Ölgemälden der vier Kardinaltugenden beschrieben, datiert 1734. Im Audienzzimmer werden ein Kamin aus Stuckmarmor mit Chronos sowie Spiegel aus Glaswerkstätten in der Kürnach genannt. Der Vorsaal enthält eine Arbeitsbibliothek, deren erhaltene Bände als Schenkung von Paul Huber (1917 bis 2010) an die Stadt Kempten beschrieben werden. Der Thronsaal wird als eineinhalb Geschosse hoher Raum mit Spiegeltonne genannt; Stuckarbeiten werden Johann Georg Üblher zugeschrieben und allegorische Figuren Egid Verhelst. Das Deckengemälde wird Franz Georg Hermann zugeschrieben und nennt als Motiv unter anderem Hildegard und Karl den Großen.
Lage: Kempten im Allgäu, Stiftsstadt Kempten (vor den Toren der Reichsstadt Kempten), Bereich Residenzplatz und Hofgarten, bei Sankt Lorenz
Koordinaten: keine Angabe
Höhe: keine Angabe
Datierung/Entstehung: Planungen ab 1648; Baubeginn 1651; Ausbau- und Bauphasen 1656, 1660 bis 1661, 1661 bis 1664; nordwestlicher Eckturm 1668; Hildegardkapelle 1670 (Abbruch 1804); Prunkräume ab 1732; Thronsaal 1740 bis 1742; neuer Südeingang 1895
Schutzstatus: keine Angabe
Eigentum/Nutzung: Nutzung als Gerichtsgebäude (Amtsgericht und Landgericht Kempten); Verwaltung der Prunkräume durch die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen; Führungen durch den Heimatverein Kempten genannt
Alternative Namen: Residenz Kempten; Prunkräume der Residenz