Am östlichen Rand des Illertals, im Immenstädter Ortsteil Rauhenzell, steht das Schloss Rauhenzell – ein dreigeschossiger Rechteckbau aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Errichtet von den Herren von Laubenberg, zählt es zu den letzten Adelssitzen, die unmittelbar aus dem mittelalterlichen Burgenwesen des Allgäus hervorgingen. Mit seiner klar gegliederten Fassade und der Lage zwischen Dorf, Kirche und Illerbrücke bildet es den Mittelpunkt der einstigen Herrschaft Rauhenzell. Das Schloss blieb über Jahrhunderte im Besitz bedeutender Adelsfamilien und hat seinen historischen Charakter bis heute weitgehend bewahrt.
Das Schloss liegt am südlichen Dorfrand von Rauhenzell, umgeben von alten Bäumen und einer niedrigen Einfriedung. Der Bau ist privat bewohnt und kann nicht besichtigt werden, doch sein Erscheinungsbild prägt das Ortsbild nachhaltig. Die barock umgestaltete Fassade mit regelmäßiger Fensterreihung und hohem Satteldach verleiht dem Gebäude eine schlichte Eleganz. Im Westen grenzt der Schlossgarten an die Straße nach Immenstadt, im Osten öffnet sich der Blick auf den Rossbach und die Hänge des Burgbergs. Unweit des Schlosses erinnert die Gruftkapelle der Freiherren von Pappus-Tratzberg an die frühere Adelsfamilie, die über Generationen das Leben in Rauhenzell prägte.
Die Geschichte des Schlosses ist eng mit dem Adelsgeschlecht der Laubenberger verbunden, das seine Wurzeln im westallgäuerischen Grünenbach hatte. Nachdem die Burg Rauhlaubenberg im 16. Jahrhundert unbewohnbar geworden war, errichteten die Herren von Laubenberg 1555 einen neuen Sitz im Tal – das Schloss Rauhenzell. Es diente zunächst als Verwaltungsmittelpunkt der kleinen Herrschaft und ersetzte die verfallene Höhenburg.
Nach dem Aussterben der männlichen Linie der Laubenberger im Jahr 1647 ging die Herrschaft an das Haus Pappus von Tratzberg über. Johann Andreas Pappus, Kanzler von Tirol, wurde in den Reichsfreiherrenstand erhoben und machte Rauhenzell zu einem repräsentativen Landsitz. Unter seinen Nachfahren erfolgten Umbauten und Modernisierungen, insbesondere 1878, als die Fassade barock überformt wurde. Der Grundriss aus der Spätrenaissance blieb dabei erhalten.
Nach dem Tod des letzten männlichen Nachfahren, Reichsfreiherr Eckart von Pappus-Tratzberg, im Jahr 1934 erbten die Freiherren von Lerchenfeld das Anwesen. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Schloss kurzzeitig als Depot für Kunst- und Kulturgüter. Der Heimatforscher Alfred Weitnauer schilderte später humorvoll, wie wertvolle Sammlungen hier im Stillen „beerdigt“ wurden, um sie vor den heranrückenden Truppen zu schützen.
Schloss Rauhenzell ist ein dreigeschossiger Rechteckbau mit Satteldach, regelmäßig gegliederter Putzfassade und Ecklisenen. Die Architektur der Spätrenaissance ist in der klaren Formensprache und der betonten Vertikalität erkennbar. Im 19. Jahrhundert erhielt das Gebäude durch die barocke Fassadengestaltung mit geputzten Gesimsen und Fensterrahmungen ein repräsentativeres Erscheinungsbild. Das Innere zeigt einfache Gewölbe und eine symmetrische Raumordnung, typisch für Landschlösser dieser Zeit. An der Südseite schließt sich ein kleiner Park an, im Norden befinden sich Nebengebäude und Wirtschaftsflächen. Das Ensemble ist vollständig erhalten und steht unter Denkmalschutz.
Lage: Immenstadt-Rauhenzell, Landkreis Oberallgäu, Bayern
Koordinaten:
47° 33′ 50″ N, 10° 14′ 50″ O
Höhe: ca. 730 m ü. NHN
Datierung/Entstehung: 1555 (Herren von Laubenberg)
Schutzstatus: denkmalgeschützt
Eigentum/Nutzung: Privatbesitz (Freiherren von Lerchenfeld), nicht zugänglich
Besonderheit: Sitz der ehemaligen Herrschaft Rauhenzell; barock überformtes Schloss der Spätrenaissance